Antivirus replayed

Ein Redakteurinnengespräch mit Lale Rodgarkia-Dara.

Redakteurinnengespräch

mit Lale Rodgarkia-Dara

Lale, neben deiner Tätigkeit als strategische Geschäftsführerin gestaltest du auch Programm bei Radio Helsinki und bei Radio Orange. Was gibt es in deinen Sendungen zu hören?

Auf Radio Helsinki habe ich eine regelmäßige Sendung namens Antivirus replayed  die im März 2020 entstanden ist. In der nächsten Ausgabe (am 21.10. um 1 Uhr in der Nacht) wird Elisabeth Harniks „Humming Room“ gefeatured. Harnik ist eine ganz phantastische Pianistin und Komponistin und hat gemeinsam mit Jamilla Balint und Milena Stavrić im Zuge von Graz 2020 eine Bieneninstallation gestaltet.

In Wien bei Radio Orange machen wir seit zwei Jahren jeden Monat die Dirndlbrand - Reclaiming the Dirndl-Sendung gemeinsam mit Ulli Weish und Christa Reitermayr. Dies ist ein lustiger Ansatz mit Sticken von antirassistischen, feministischen und antifaschistischen Sprüchen auf Dirndlschürzen im öffentlichen Raum, beim Nacktbaden in der Au oder einfach zuhause und eben einer Radiosendung. Letztes Mal war Sarah Held bei uns zu Gast, die witzigerweise am selben Lehrstuhl an der Akademie der Bildenden Kunst unterrichtet wie ich. Ich bin nur sporadisch dort als externe Lektorin und hab das gar nicht mitbekommen. Aja, und vermutlich im November reden wir mit Malik Sharif, ebenso ein Bekannter im Radio Helsinki-Universum, übers Aufsteirern.

Du bist Gründungsmitglied des internationalen Radiokunst-Netzwerkes radia, das die Sendung radio radia produziert. Wie ist dieses Netzwerk entstanden und wie läuft die Zusammenarbeit bzw. Gestaltung der Sendungen?

Ursprünglich ist radia 2005 aus einem EU-Projektantrag entstanden, der gescheitert ist. Wir sind in Wien seit der Gründung ein Kollektiv mit wechselnder Besetzung. Radio Orange, Resonance FM (London), Rádio Zero (Lissabon), Kanal 103 (Skopje), Reboot.fm (Berlin) Radio Campus (Brüssel), Radio Cult (Sofia), Radio Oxygen (Tirana) und Tilos Rádió (Budapest) waren die Gründer:innen des Netzwerkes, welches sich dem Sendungsaustausch und der Verbreitung vor allem von Creative Commons produzierten Radiokunst-Sendungen widmet. Mittlerweile sind 26 Radiostationen an diesem nicht-kommerziellen Austausch beteiligt (neben europäischen Radiostationen auch Sender aus Kanada, Neuseeland und den USA). Radia versucht eine reflexive Auseinandersetzung mit dem Medium Radio zu kreieren. 2007 erhielt das radia-Netzwerk eine Honorary Mention in der Kategorie "digital communities" der ars electronica. Seit Jahren kümmert sich Karl Schönswetter als Season Monitor um die Termin- und Programmplanung.

Wie ist Radio als Kunstform umsetzbar und wie kann Radiokunst für ungeübte Ohren zugänglich gemacht werden? Welche Herausforderungen begegnen dir/euch dabei?

Im deutschsprachigen Raum, der auch der einzige ist, der für das Hörspiel eine eigene – unabhängig vom Drama – geschaffene Bezeichnung hat, gibt es eine alte und lange Verknüpfung zwischen Elektroakustischer Musik, also einer teils übersinnlichen, teils technischen, teils künstlerischen, teils gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung mit dem Äther an sich. Ich bin keine Musikhistorikerin, aber mich hat das Medium deswegen so gebannt, weil ich das Glück hatte, 1998 an der Schnittstelle von Analog/Digital ins Radio einzusteigen und zwar partout zur selben Zeit, als eine ähnliche Konvergenz aufgetreten ist wie in den 1920ern. Nämlich das Aufkommen des Internets und parallel und sehr oft in Form von Personalunionen das Freie Radio in Österreich.

Diese Demokratisierung von Produktionsmitteln hat die Musik, das Radio und seine Verbreitungswege gänzlich neu aufgestellt. Das ist nichts Neues und vielfach diskutiert. Interessant finde ich dabei eben die Analogien von Ende 90er/Anfang 00er Jahre zu den 1920ern und den Aktivitäten des Arbeiterradiobundes damals, die ähnlich wie die Freien Radios und Piratenradios in den ersten Jahren zwischen Innovation, Wissensvermittlung in Form von Workshops und Anspruch auf Nutzung des neuen Massenmediums agiert haben.

Du produzierst auch immer wieder Hörspiele fürs Radio. Was ist dein aktuelles Projekt?

Ich stecke da mitten drinnen. Das ist nicht so einfach. Das Stück mit dem Titel Aramesh versucht eine literarisch-akustische Auseinandersetzung mit Sound und dem sonischen Spektrum, Gewalt und Krieg. Wir machen Interviews mit Menschen, die Erfahrungen mit kriegerischen Konflikten haben – weil sie es selbst erlebt haben oder weil sie über Freund:innen und Verwandte damit konfrontiert sind. Die Interviews selbst machen ganz unterschiedliche Menschen mit und ohne Kriegserfahrung in unterschiedlichen Sprachen. Es ist ein stark partizipatives Projekt und wird ein paar Jahre gehen, aber konkret ist nun das Live-Hörspiel am 3.10. mitten an der Donau. Wundersam gelegen. Zur künstlerischen Herausforderung gesellt sich vor allem eine technische. Wo kommt der Strom her? Wie machen wir das mit dem Licht? Besucher:innen können die Vorführung über Radio mitverfolgen oder eben in der Kaisermühlenbucht. Es werden auf den Stufen Picknickdecken vorbereitet und eine Ausstellung. Die Veranstaltung ist frei zugänglich und kostenfrei.

Du bist bereits seit vielen Jahren im Bereich der Freien Medien tätig und scheinst noch nicht genug zu haben. Was macht für dich den Reiz am Radiomachen und am Medium Radio aus?

Ich mag die Vielseitigkeit und das mittlerweile Subversive am UKW-Radio und ich denke, dass es bestärkend ist und besser die Media-Disruption überlebt als etwa das Fernsehen es jemals könnte.

Dieses Interview erschien im Radio Helsinki-Programmfalter Oktober 2021 – Jänner 2022.



© Speis Sabella


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