dérive

SOS Nordbahnhalle #brennt

Sendung am 15.01.2020 14:00 bis 14:30
U P

Feature/Magazin

Über ein Jahr lang engagierte sich ein Zusammenschluss von Architekt*innen, Stadtforscher*innen, Nachbar*innen, Künstler*innen und sozialen Initiativen für den Erhalt der Wiener Nordbahnhalle als Zentrum für Nachbarschaft, Kultur und Soziales inmitten des neuen Stadtentwicklungsgebiets am ehemaligen Nordbahnhof.

Insgesamt rund 4500 Unterschriften wurden für den Erhalt gesammelt, eine Vielzahl namhafter Expert*innen aus Architektur, Städtebau, Kultur, Nachbarschaft und Zivilgesellschaft haben das Anliegen unterstützt.

In vier offenen Nordbahnhallen-Foren hatte die IG Nordbahnhalle eine parallele Planung zur Zukunft der Halle begonnen. Zahlreiche Gespräche mit Politikerinnen, Entscheidungsträgerinnen und der Presse wurden geführt, eine Bürger*innen-Petition eingebracht, eine Stellungnahme zur Flächenwidmung verfasst.

Stellungnahmen gegen die einseitigen Argumentationen der Stadtplanungspolitik wurden veröffentlicht, da sich die Stadtplanung auf die vermeintlichen Wünsche der Bevölkerung berief, Grünraum zu schaffen. Dies obwohl ein voran gegangener Partizipationsprozess deutlich ergeben hatte, dass die Bewohner*innen sich Grünraum UND sozialen und kulturellen Raum wünschen.

In einer Umfrage der Tageszeitung Kurier befürworteten 67 Prozent der Bewohner*innen im 2. Bezirk und 60 Prozent der Bewohner*innen im 20. Bezirk den Erhalt der Nordbahnhalle. Die grüne Stadtplanung und die ebenfalls grüne Bezirkspolitik in der Leopoldstadt sprachen sich trotzdem dezidiert für enen Abriss aus.

Am Sonntag, 10. November 2019, zur Mittagszeit, ist die Halle überraschend abgebrannt. Die Nordbahnhalle war gründlich verbarrikadiert und es war nur schwer möglich, in das Innere zu gelangen. Der Strom war gekappt, es wurden keine Chemikalien gelagert.

Die Brandkatastrophe schafft Fakten und beendet eine für die Stadtplanung unliebsame Debatte. Feuerwehr und Kriminalpolizei ermitteln. Wien hat wieder einmal eine Chance vergeben, einen innovativen, nicht-kommerziellen und gemeinwohlorientierten Ort für Nachbarschaft, Kultur und Soziales zu schaffen.

Aus Anlass dieser Ereignisse bringt Radio dérive Ausschnitte aus der Pressekonferenz der IG Nordbahnhalle vom Sommer 2019.

Sie hören:

– Peter Fattinger, Leiter des Design Build Studios, TU Wien
– Leo Kalab, Team Nordbahnhalle
– Mariana Gutierrez Castro, Team Nordbahnhalle
– Alexander Zöhrer, Architekt und Nutzer der Nordbahnhalle
– Alexander Hartveld, Mitgründer RefugeesCode, Nutzer der Nordbahnhalle
– Cornelia Spiola, Nachbarin und Besucherin der Nordbahnhalle
– Michael Obrist, Prof. für Wohnbau und Entwerfen, TU Wien
– Claudia Bosse, Künstlerin, theatercombinat und Initiative Wiener Perspektive
– Alisa Beck, IG Kultur Wien und Initiative ARGE Räume
– Elke Rauth, derive – Stadtforschung und Leiterin urbanize! Festival

Sendungsgestaltung und -verantwortung: Elke Rauth

Radio für Stadtforschung

Der Verein dérive ist in Wien beheimatet und von jeglichen Institutionen unabhängig. Die Mitglieder der Redaktion von dérive – Radio für Stadtforschung arbeiten ehrenamtlich.

Die Stadt als Lebensraum nimmt weltweit eine immer bedeutendere Stellung ein. Seit einigen Jahren lebt erstmals die Mehrheit der Menschen in Städten. Der Stadtraum ist ein Ort der Verdichtung und deshalb der Platz, an dem sich gesellschaftspolitische Entwicklungen am deutlichsten und schnellsten zeigen. dérive – Radio für Stadtforschung bringt ausgehend von einem multiperspektivischen und interdisziplinären Ansatz Beiträge, die diesem Umstand Rechnung tragen und analysiert Aspekte dieser Entwicklung. Dabei geht es einerseits darum, einen genauen Blick auf diese oft ebenso spannenden wie problematischen Entwicklungen zu werfen, andererseits aber auch darum zu zeigen, wie lustvoll, bereichernd und anregend es sein kann, sich für den Lebensraum Stadt zu engagieren.

 

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