Weiblich, migriert, unsichtbar – Die Verdrängung von Migrantinnen und geflüchteten Frauen aus dem öffentlichen Raum

Eine Vortragsreihe, deren vorrangiges Ziel es ist, Betroffene zu Wort kommen zu lassen und Erfahrungen von Vertreterinnen von Frauenorganisationen zu hören.

Projektbeschreibung:


Der urbane öffentliche Raum ist Ort der Begegnung und Konfrontation unterschiedlicher Generationen, Geschlechter und Kulturen. Ein freies Bewegen und eine aktive Teilhabe am öffentlichen Raum ist allerdings selbst in modernen demokratischen Gesellschaften keine Selbstverständlichkeit. Eine große Anzahl der in den letzten Jahren nach Österreich migrierten oder geflüchteten Frauen stammen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Häufig kommen sie aus Kulturen, in welchen Frauen unterdrückt werden und die Gleichberechtigung der Geschlechter kaum ein Thema ist. In Österreich angekommen, ist es für viele dieser Frauen schwierig, das altbekannte Wertesystem hinter sich zu lassen und stattdessen die neuen Chancen und Freiheiten zu nutzen. Auch weil die eigene Identität sich erst an die veränderte Umgebung anpassen muss. Selbst Frauen, die bereits in Österreich geboren und hier aufgewachsen sind, leben oft in einer von Männern dominierten Parallelwelt. Diese erfährt eine Verfestigung, indem Diskriminierung und Rassismus von MitbürgerInnen auf der einen Seite und staatliche Regulierung und Kontrolle auf der anderen Seite Migrantinnen und geflüchtete Frauen aus der Öffentlichkeit, in der sie noch nicht einmal richtig angekommen sind, ins Private zurückdrängen. Der infolge des sog. „Anti-Gesichtsverhüllungsgesetzes“ – der österreichischen Beschreibung für das Burkaverbot – (vermutlich) erfolgte Rückzug von verschleierten Frauen in ihre Wohnungen ist hier als konkretes Beispiel zu nennen. Paradoxerweise werden derartige Bekleidungsvorschriften mit dem Kampf gegen den konservativen Islam und der „Befreiung und Integration muslimischer Frauen“ gerechtfertigt, sie erreichen aber genau das Gegenteil. Folgen dieses Eingriffes „von „oben“ sind Ausgrenzung- und Diskriminierungserfahrungen, die wiederum dazu führen, dass sich Migrantinnen vor allem im Kontext ihrer Familie, ihrer Migrationsgruppe oder in eigenen sozialen Netzwerken bewegen. Und für den Großteil der Umgebungsgesellschaft unsichtbar bleiben.

Wenn auch die Integrationspolitik und die Gesetzgebung der Aufnahmestaaten vor der Herausforderung stehen, einen offenen Umgang mit kulturellen Differenzen zu finden und gleichzeitig die universalen Grundrechte auch für Migrantinnen zu garantieren, ist es mehr als kontraproduktiv, Frauen durch unterschiedliche Regulative in die Begrenztheit des privaten Umfeldes zurückzudrängen und ihnen gesellschaftliche Partizipation zu verwehren. Viele Integrationsprogramme sind immer noch zu wenig oder überhaupt nicht gender-sensitiv. Sie zielen kaum auf das Empowerment von Migrantinnen, das Fördern von sozialen Netzwerken oder eine umfassende Teilhabe ab. Beim Erreichen ihres Ziels, (migrierter) Frauen aus der Isolation zu holen und zu einem gleichberechtigen und selbstbestimmten Leben zu verhelfen, erleben Frauenbewegungen und -organisationen gegenwärtig deshalb herbe Rückschläge.

In einer Vortragsreihe wird den Fragen nachgegangen, welche Räume für Migrantinnen und geflüchtete Frauen in Österreich offen stehen, in welchen Milieus sie sich bewegen und wie es angesichts der beschriebenen politischen Regulierungstendenzen und eines möglichen privaten und öffentlichen Drucks um ihre Entscheidungsfreiheit steht. Dabei werden die vielfältigen Realitäten migrierter Frauen berücksichtigt.

Gefragt wird auch nach den Geschlechterbeziehungen und ihren Veränderungen wäh­rend des Migrations- und Niederlassungsprozesses. In welchen Bereichen kommt es infolge der Migration zu einer Schwächung, wo zu einer Stärkung der Position von Frauen? Welche Rahmenbedingungen würde es für Betroffene brauchen, um eine gleichberechtigte Teilhabe am öffentlichen Raum zu ermöglichen? Wie kann soziale Ungleichheit in der städtischen Gesellschaft beseitigt werden?

Abgestimmt auf die jeweilige Expertise der Referentinnen werden spezifische Impulsreferate abgehalten sowie das übergeordnete Schwerpunktthema mit Betroffenen, ExpertInnen und dem Publikum diskutiert.

Projektlaufzeit


15.05.2018 - 01.05.2019

Kontakt

Projektkonzeption: Dr.in Victoria Kumar; Historikerin, freie Radiojournalistin

Projektkoordination: Mag.a Marlies Pratter; Philosophin, Radiojournalistin

Tel.: 0316 830 880


Kontakt aufnehmen

Termine Expertinnengespräche

22.11.2018, 19 Uhr

Daniela Grabovac (Juristin, Antidiskriminierungsstelle Steiermark)

und Khatera Sadr (Sozialpädagogin, SOMM - Selbstorganisation von und für Migrantinnen und Musliminnen)

"Hate Crimes im öffentlichen Raum und ihre Konsequenzen"

29.11.2018, 19 Uhr

Petra Leschanz (Juristin, Frauenservice):

Das österreichische Asyl- und Fremdenrecht und die Auswirkungen auf geflüchtete/migrierte Frauen

24.1.2019, 19 Uhr

Elli Scambor (Soziologin, Institut für Männer- und Geschlechterforschung)

Die Rolle von Männern im Prozess der Verdrängung und Unsichtbarmachung von geflüchteten/migrierten Frauen

31.1.2019, 19 Uhr

Emina Saric (Projektleiterin Heroes, Caritas Graz):

Heroes - gegen Unterdrückung im Namen der "Ehre"

Moderation der Expertinnengespräche: Dr.in Johanna Stadlbauer; Kulturanthropologin


Ein Projekt von Radio Helsinki mit freundlicher Unterstützung von:


Die Vortragsreihe wird gefördert von der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung.
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